Archiv für den Monat März 2008

Brockdorff Klang Labor: Frohe Schritte

Sonntag, 16. März 2008

Jeder Stern wird ein Haus, jedes Haus eine Stadt. -

Wir fahren nach Leipzig hinein. Ein klarer, windiger Dezember-Samstag dämmert, der Himmel dunkelt blau, das Radio im Auto ist an. Ich höre diese klare, zauberhafte Stimme singen; dieses unbekannte, schöne Lied, das von Vereinigung im Tanz und Entrückung durch Musik erzählt. Genau das habe ich selber vor einigen Tagen in einem rauchigen Keller erlebt, mit dieser besonderen Frau, mit ihrem roten Drahthaar und dem heftigen oberschwäbischen Dialekt, mit der ich nun wieder auf dem Rücksitz vereint bin, nach unserem Ausflug, der uns eine Zeit trennte.

Wir stehen an der Ampel einer großen Kreuzung. Ich schaue zu ihr hinüber. Eines abends sind wir betreut Trinken gegangen, und danach hat sie meine Hand ergriffen. - Jetzt zieht sie ihre Hand weg und schaut aus dem Fenster.

An einem Morgen bald danach sind wir wieder entzweit.

(Von Brockdorff Klang Labor ist im September 2007 das erste Album “Mädchenmusik” erschienen.)

Touristen

Samstag, 15. März 2008

wir sind touristen
bereisen diese bunte welt
als taucher oder alpinisten
sind wir da wo’s uns gefällt

wir müssen immer weiter
es war nie dass wir verharrten
wir sind vorwärtsreiter
kaufen souvenirs und karten

wir sind nur ein paar stunden hier
und es gibt so viel zu sehn
aber weiter müssen wir
nur für fotos blei’m wir stehn

wir treffen neue leute
auf unsrer lebensreise
bräutigame bräute
und freunde netterweise

touristen fragen immer
geht hier eine straßenbahn
wo ist denn das zimmer
wie ist dieser plan

ist denn diese strecke
landschaftlich auch schön
für ne nette ecke
woll’n wir einen umweg gehn

ach sie sind von hier
das ist ja interessant
eingebor’ne lieben wir
die kennen allerhand

spricht der führer uns’re sprache
ist es weit entfernt
keiner ist wie alle tage
wenn man soviel kennenlernt

oh wer ließ denn das erbauen
wars ein könig kaiser gar
lass uns mal genauer schauen
es ist einfach wunderbar

wir wandern und wir wandern
unsre füße sind okay
von einem ort zum andern
zwischendurch mal ein wc

wir sind touristen
flugzeug schiff und bahn
schienen wasser pisten
wir kommen immer an

Fledermausland

Dienstag, 11. März 2008

“Wir können hier nicht anhalten, das ist Fledermausland.” Mit diesem Satz aus der Verfilmung von “Fear and Loathing in Las Vegas” ist der Name auf mich gekommen, der dieses Land bezeichnet: Fledermausland. Es ist das Land in dem man bleibt, wenn man früh Kinder bekommen hat und glaubt, in der Verlorenheit, aber dafür immerhin daheim, glücklich werden zu können. Es ist das Land aus dem man flieht, wenn man jung ist und noch was vor hat, aus dem man gehen muss, wenn man nicht zu den Übrig-Gebliebenen gehören will.

Hier lebt man zwischen verfallenden Häusern unter leeren, kalten Dachstühlen aus denen Fledermäuse flattern. Man muss die Verantwortung für den Zustand dieses Landes ablehnen, um es hier aushalten zu können. Und weil sich darum kaum jemand verantwortlich fühlt, manifestiert sich die Situation immer weiter. Da helfen selbstverständlich auch die wenigen Motivierten nicht, die es hier und da gibt, die entweder aus Eitelkeit handeln, oder nach kurzer Zeit von denjenigen, die aus Eitelkeit handeln, so ausgenutzt werden, dass sie ihre Bemühungen einstellen müssen, um nicht ihre ganze Zeit und Energie zu verschwenden. - Oder sie gehen irgendwann, wie die anderen, um nicht übrig zu bleiben.

Eine Stadt mit zwei Gesichtern liegt in diesem Land. Ein inneres Gesicht und ein äußeres. Das innere Gesicht mit seinen zusammengekniffenen Augen, die vor allem im Winter ihre Bewohner böse anstarren. Und das äußere Gesicht, mit den strahlenden Augen, mit dem sie zwinkernd, gerne in der Saison, Gäste zu betören sucht. Damit sie sich ein Zimmer nehmen für die Nacht; die Nacht im Fledermausland.