Archiv für die Kategorie ‘Unterwegs’

Touristen

Samstag, 15. März 2008

wir sind touristen
bereisen diese bunte welt
als taucher oder alpinisten
sind wir da wo’s uns gefällt

wir müssen immer weiter
es war nie dass wir verharrten
wir sind vorwärtsreiter
kaufen souvenirs und karten

wir sind nur ein paar stunden hier
und es gibt so viel zu sehn
aber weiter müssen wir
nur für fotos blei’m wir stehn

wir treffen neue leute
auf unsrer lebensreise
bräutigame bräute
und freunde netterweise

touristen fragen immer
geht hier eine straßenbahn
wo ist denn das zimmer
wie ist dieser plan

ist denn diese strecke
landschaftlich auch schön
für ne nette ecke
woll’n wir einen umweg gehn

ach sie sind von hier
das ist ja interessant
eingebor’ne lieben wir
die kennen allerhand

spricht der führer uns’re sprache
ist es weit entfernt
keiner ist wie alle tage
wenn man soviel kennenlernt

oh wer ließ denn das erbauen
wars ein könig kaiser gar
lass uns mal genauer schauen
es ist einfach wunderbar

wir wandern und wir wandern
unsre füße sind okay
von einem ort zum andern
zwischendurch mal ein wc

wir sind touristen
flugzeug schiff und bahn
schienen wasser pisten
wir kommen immer an

Fledermausland

Dienstag, 11. März 2008

“Wir können hier nicht anhalten, das ist Fledermausland.” Mit diesem Satz aus der Verfilmung von “Fear and Loathing in Las Vegas” ist der Name auf mich gekommen, der dieses Land bezeichnet: Fledermausland. Es ist das Land in dem man bleibt, wenn man früh Kinder bekommen hat und glaubt, in der Verlorenheit, aber dafür immerhin daheim, glücklich werden zu können. Es ist das Land aus dem man flieht, wenn man jung ist und noch was vor hat, aus dem man gehen muss, wenn man nicht zu den Übrig-Gebliebenen gehören will.

Hier lebt man zwischen verfallenden Häusern unter leeren, kalten Dachstühlen aus denen Fledermäuse flattern. Man muss die Verantwortung für den Zustand dieses Landes ablehnen, um es hier aushalten zu können. Und weil sich darum kaum jemand verantwortlich fühlt, manifestiert sich die Situation immer weiter. Da helfen selbstverständlich auch die wenigen Motivierten nicht, die es hier und da gibt, die entweder aus Eitelkeit handeln, oder nach kurzer Zeit von denjenigen, die aus Eitelkeit handeln, so ausgenutzt werden, dass sie ihre Bemühungen einstellen müssen, um nicht ihre ganze Zeit und Energie zu verschwenden. - Oder sie gehen irgendwann, wie die anderen, um nicht übrig zu bleiben.

Eine Stadt mit zwei Gesichtern liegt in diesem Land. Ein inneres Gesicht und ein äußeres. Das innere Gesicht mit seinen zusammengekniffenen Augen, die vor allem im Winter ihre Bewohner böse anstarren. Und das äußere Gesicht, mit den strahlenden Augen, mit dem sie zwinkernd, gerne in der Saison, Gäste zu betören sucht. Damit sie sich ein Zimmer nehmen für die Nacht; die Nacht im Fledermausland.

Manifest des Tourismus’

Sonntag, 06. Januar 2008

Wir sind Touristen
und bereisen diese bunte Welt. Wir wollen Grenzen überschreiten, uns die anderen Orte ansehen und das Fremde mit der Heimat vergleichen. Wir wollen die Ahnung, die wir von der Fremde haben, an der Wirklichkeit erproben.

Wir sind Touristen,
wir wollen all das Schöne sehen: Die historischen Monumente, die Natur, die Landschaften, die technischen Errungenschaften, die Abenteuer der großen Städte, die Rätsel der kleinen Orte, die Ruhe auf dem Lande.

Wir sind Touristen,
wir wollen pilgern zu den gepriesenen Orten des Tourismus in Europa, Afrika, Asien, Indien, Amerika und Australien. Wir wollen etwas mitnehmen von all unseren Reisen. Die Souvenirs, die wir kaufen und mit unsnehmen, machen die Welt zu einem Teil unseres Lebens. Sie befördern die Durchmischung der Welt: Das ist unsere touristische Entropie.

Wir sind Touristen,
wir wollen uns erzählen lassen, sehen, riechen, schmecken, mit allen Sinnen erfassen. Wir haben nur wenig (Frei)zeit, um das Alles zu genießen, und wissen, dass wir es nicht vollends verstehen werden. Darum müssen wir uns mit einem einfachen Bild begnügen, das wir dann euch daheim Gebliebenen auf Postkarten und in Short-Messages zuschicken und in Bildern, Filmen, Liedern und Geschichten schenken können. Vereinfachte, ungenügende Geschenke, die eine Sehnsucht ausdrücken sollen, die doch eigentlich viel größer ist.

Wir sind Touristen,
unsere große Sehnsucht ist angefüllt mit der Hoffnung auf den neuen Genuss, auf die Schönheit, auf Erfüllung. Es ist die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, nach der Lösung unserer großen Rätsel und nach neuen Rätseln, nach uns selbst und die Sehnsucht danach die Grenze zwischen unserem Alltagsleben und all den Möglich-, Unendlich- und den Ewigkeiten dieser bunten Welt zu übertreten.

Wir sind Touristen,
wir wollen uns freuen, wo immer wir auch sind, wann immer man uns freundlich begrüßt. Und wenn es nur unser Geld ist, das uns willkommen macht, dann wollen wir uns beschränken. Und wenn es Klischees sind, die mit unserem Land verbunden sind, dann wollen wir es ignorieren und bei Gelegenheit des Bild erweitern. Und wenn wirklich wir gemeint sein sollten, dann wollen wir uns wundern, und von diesen Menschen lernen, denn wer tritt anderen schon so offen entgegen und geht so großmütig auf Fremde zu? - Wir nicht.