Der Gedichtzyklus ‘Neapel’ von Marie Eugenie delle Grazie

Einführung

Marie Eugenie delle Grazie wurde am 14.08.1864 in Ungarisch-Weißkirchen (heute Bela Crkva) geboren. Sie starb am 18.02.1931. Schon als Kind findet sie an der Natur und an Historischem großes Interesse.
1886 unternahm delle Grazie eine Reise nach Italien und schrieb daraufhin eine Anzahl von Gedichten, die im Gedichtband Italische Vignetten 1892 zuerst veröffentlicht wurden. (Die biographische Angaben entstammen: Maria Mayer-Flaschberger: Marie Eugenie delle Grazie. Eine österreichische Dichterin der Jahrhundertwende. Studien zu ihrer mittleren Schaffensperiode. Verlag des südostdeutschen Kulturwerks, München 1984.) Dem verhältnismäßig umfangreichen Abschnitt Rom folgen mehrere kürzere. Unter anderem Neapel, ein Abschnitt mit fünf Gedichten. Dieser Abschnitt ist Gegenstand der vorliegenden kurzen Ausarbeitung. (Zitate aus Gedichten folgen: M. E. delle Grazie: Sämtliche Werke. Bd. 6. Italische Vignetten. Zweite, vermehrte Auflage. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1904.)
In ihren Reflexionen über ihr eigenes Leben schildert delle Grazie ein Erlebnis, das sie in Neapel hatte und das wie ein Leitfaden durch den behandelten Abschnitt hindurch führt. (M. E. delle Grazie: Sämtliche Werke. Bd. 9. Theiß und Donau / Dichter und Dichtkunst. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1904. S. 91 ff.)
Bevor delle Grazie nach Neapel kommt, ist sie in Rom. Dort besucht sie den Palasthügel und wird hier an große antike Figuren wie Augustus, Tiberius, Caligula, Nero etc. erinnert. Sie stellt fest, daß sie trotz ihrer menschlichen und geschichtlichen Größe alle tot sind. Sie berichtet: „Ich fühlte mich geradezu elend; so unbarmherzig und eindringlich war ich noch nie über die Hinfälligkeit menschlicher Größe und Gedanken belehrt worden.“ (Ebd. S. 92.) In Neapel suchte sie daraufhin Genesung von ihrer Erschütterung. In einer Vollmondnacht, in der der Mond die Meeresoberfläche beleuchtet, findet sie auch tatsächlich den erhofften Trost.

Und leise, aber unaufhörlich kam Welle um Welle herangezogen, in gleichem Rhythmus nach denselben ewigen Gesetzen, stets eine andere und doch scheinbar immer dieselbe, eine ins Unendliche fortflutende Endlichkeit. Und plötzlich war mir, als fühlt’ ich diesen Rhythmus auch in mir ebben und wogen, geheimnisvoll und doch so beseligend mein ganzes Wesen durchdringend, auf daß es sich eins fühle mit der, die es geschaffen und ihr Mysterium in meine Brust gelegt: der Natur!

(Ebd. S. 94.)

Delle Grazie tröstete ihren Schmerz über ihre eigene Vergänglichkeit und die Vergänglichkeit der Menschheit also mit der Einsicht, daß Sterben genauso wie Leben in den großen Kreislauf der Natur gehört und so nichts Böses ist.

Neapel

Das lyrische Ich beschreibt die Landschaft des Golfes von Neapel: das Meer, Neapel, den Vesuv, Sorrrent und Capri.
Das Meer bildet gleichsam den Rahmen für das gesamte Gedicht (V 1 ff.) und ist bestimmendes Motiv des Geschehens. Neapel wird zu einer weiblichen Schönheit personalisiert (V 8 ff.), die Hauptfigur des Textes ist. Ihr gegenüber steht der Vesuv, der, brünstig (V 16) und gierig (V 23), Neapel begehrt, sich ihr aber niemals nähern kann. Daher ist er verdrossen, zornig, finster (V 13 f.).
Dem Vulkan wird aber ein Teil seiner Bedrohlichkeit genommen. Seine Wut wird menschlich und damit verständlich, da er aus Liebesbegehren so böse und gefährlich ist. Außerdem lachen die Neapolitaner über seinen Schmerz, der ihre Gefahr ist: sein heißes, lava-blutendes Herz (V 29 ff.).
Im zweiten Abschnitt schildert das lyrische Ich das Wechselspiel von Meer und Wasser im Verhältnis zu Licht und Luft. Besonders hervorstechend ist hier die Schilderung der Wogen und der Brandung des Meeres. Der Leser wird, wie auch das lyrische Ich mit allen Sinnen vom Meer vereinnahmt. Da ist das Grollen und Schäumen der Brandung zu hören, der Wind mal stürmisch, mal mild (sogar süß) zu spüren (V 44 ff.):

Sich haschend und fliehend,
Neckend und grollend,
Aufschäumend nun
In stürmender Leidenschaft, nun
Veratmend in süß-geschmeidiger Müde ….

Diese Stelle weist auch eine besonders auffällige Struktur auf: Während die Verse das Wogen des Meeres und die Brandung schildern, bilden sie ihre Geräusche nach. Die zweihebigen Verse 44 bis 46 klingen wie das Wogen des Wassers und Vers 47 und 48 muten wie das Brechen der Wellen und ihr anschließendes Ausfließen auf dem Strand an.
Man kann den sonnendurchfluteten Himmel vom Licht flirren sehen. Und in der Ferne mag man den Sonnenduft von Capri riechen, das auf der anderen Seite des Golfes hell und klar beleuchtet wird (V59 ff.).

Ob sonnentrunken der Himmel
Ins reglose Meer taucht,
Ums Haupt dir
Das flirrende Diadem
Des Lichtes schlingt und dich
In Goldglanz badet, daß hell
Und klar die fernen Küsten herübergrüßen,
Sorrentos hangende Wälder und
Im Sonnenduft, wie eine verhüllte Schöne,
Geheimnisvoll aufleuchtend, das träumende Capri ….

Schließlich wird der gesamte Golf von Neapel zum Köpfchen einer Wassernymphe personalisiert und spricht: „O bella Napoli, o suolo beato!“ (Zu deutsch: O schönes Neapel, o glücklicher Ort!)
Die zahlreichen Personalisierungen und traumhaften Bilder machen einen wesentlichen Charakterzug dieses Gedichtes – und wie wir sehen werden, auch noch weiterer Gedichte – aus.
Neben der impressionistischen Beschreibung des Golfes von Neapel ist das Gedicht auch ein Lobgesang auf ihn.

Mistral

Hier wird zunächst recht realistisch beschrieben, wie der Mistral durch Neapel und dann über das Meer bläst. In Neapel weht er durch eine Flirtszene, bauscht dabei den Schleier der Frau auf und bläst ins Haar des Mannes.
Dann geht der Wind über den Golf von Neapel, wo er das Meer so bewegt, daß es das lyrische Ich zu einer Phantasterei anregt. Das lyrische Ich hört den Hufschlag der Meeresrosse (V 26), sieht in den Sonnenstrahlen ihre Zügel, mit denen Poseidon sie führt (V 28 f.) und in den Schaumkronen der Wellen die Mähnen der Rosse (V 30). In den Wellen sieht es außerdem Meeresgötter und die Formen der Töchter Tethis’, der Mutter der Gewässer (V 32 ff.). Zu dieser Parade der griechischen Meeresgottheiten nimmt das lyrische Ich Muschelhörner wahr (V 42 f.). Hier haben wir gar keine realistische Naturbeschreibung mehr vor uns. Vielmehr werden wir in die Imaginationen des lyrischen Ichs gesogen, die mit sagenhaften Bildern reich ausgeschmückt sind.
Als die Träumerei vorbei ist, wird es des starken Windes gewahr (V 47 ff.). Und nicht mehr in die Weite blickend, sondern nach unten zu den eigenen Füßen, ist das Wasser wieder entzaubert. Aber es rauscht mit heimlichem Gekicher (V 51). Es ist also eine Person und freut sich nun offenbar darüber, an der Illusion des Ichs aktiv beteiligt gewesen zu sein. So blitzt das bloß Vorgestellte auch in der äußeren Realität auf.
Abend
Es wird beschrieben, wie die hereinbrechende Nacht Neapel in eine romantische, laszive Atmosphäre taucht. Die Beschreibungen des Abends sind mit eindeutigen Anspielungen angefüllt. Das Wasser glüht vom Licht der untergehenden Sonne (V 1 ff.); Die Stadt verhüllt sich in rötlichen Schleiern (V 4 f.); Der Abendwind entsteigt Magnolienblüten, die auch als sein Brautgemach bezeichnet werden und deren Duft er verteilt (V 6 ff.); Der Wind tänzelt und kühlt brennende Wangen (V 7 f.); Es sind wirre Stimmen, zärtliche Töne, Mandolinen und lockendes Gekicher zu hören (V 9 ff.). Das lyrische Ich schwelgt in seiner Liebe zur Stadt Neapel.
Schließlich bricht die Nacht herein. Sie wird vom Mond violett erleuchtet. Das lyrische Ich blickt auf Vergils Grab, das von Lichtreflexen des vom Monde beschienen Wassers beleuchtet wird (V 18 ff.).

Aufglänzt im violenfarbigen Äther
Der Mond und streut seine hüpfenden Strahlen
Wie silberne Rhythmen über das Grab Vergils ….

Es wirkt so, als streichle die Natur den toten Vergil.
Vergil hat sich im Verlaufe seines Lebens häufig und gerne in seinem Landhaus bei Neapel aufgehalten. Und in Neapel ist tatsächlich auch das mutmaßliche Grab Vergils. Es trug die Aufschrift:

mantua me genuit, calabri rapuere, tenet nunc
parthenope; cecini pascua rura duces.

Mantua [eine Stadt in der heutigen Lombardei] gebar mich, Calabria [eine antike Stadt im heutigen Kalabrien] riß mich hinweg, nun
hält mich Neapel; Ich sang von Weiden, Feldern und Anführern.

(Vgl. Wilhelm Plankl: Nachwort. In: Publius Vergilius Maro: Aeneis. Epos in zwölf Bänden. Durchgesehene Ausgabe. Herausgegeben von Wilhelm Plankl unter der Mitwirkung von Karl Vretska. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1989. S. 365. Übersetzung H. N.)

Delle Grazie beschwört bewußt die Dichtung Vergils, die offensichtlich eine Inspiration für sie gewesen ist. Sicherlich spielt die Erwähnung Vergils auch auf dessen Naturdichtung an. Interessant ist hier eine Stelle aus der „Aeneis“:

nox erat et placidum carpebant fessa sorporem
corpora per terras, siluaeque et saeua quierant
aequora, cum medio uoluuntur sidera lapsu,
cum tacet omnis ager, pecudes pictaeque uolucres,
quaeque lacus late liquidos quaeque aspera dumis
rura tenent, somno positae sub nocte silenti.
at non infelix animi phoenissa, neque umquam
soluitur in somnos oculisque aut pectore noctem
accipit; […]

Nacht war’s, und es genoß den seligen Schlummer ermüdet
Alles, was lebt auf der Erde, auch Wälder und stürmende Meere
Ruhten da schon auf der Mitte der Bahn die Sterne sich drehten.
Rings verstummte die Flur, die Herden, die farbigen Vögel,
Ob sie nun wohnten am spiegelnden Teich, in Busch und Gefilden
Weit umher, in schweigender Nacht, in Schlummer versunken
Lagern sie alle, von Sorgen befreit, und vergaßen der Mühen -
Nur Elissa war wach im Unglück des Herzens, und nimmer
Löst sie im Schlummer sich auf, nicht Auge noch Busen empfängt mehr
Frieden der Nacht; […]

(Vergil: Aeneis. Buch 4, V 522 ff. Übersetzung aus: Publius Vergilius Maro: Aeneis. Epos in zwölf Bänden. Durchgesehene Ausgabe. Herausgegeben von Wilhelm Plankl unter der Mitwirkung von Karl Vretska. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1989.)

Campo Santo

Der Text ist in jambischen zehn- bzw. elfsilbigen Versen verfaßt. Die vier Strophen sind alle fünfversig. Die ersten vier Verse einer jeden Strophe bestehen aus jeweils zwei stumpfen und zwei klingenden gekreuzten Reimen. Der fünfte Vers wiederholt immer den ersten. Dadurch wirkt das Gedicht besonders statisch.
Wie der Titel schon nahelegt, beschreibt das lyrische Ich eine Szene auf einem Friedhof. Es wird an seine eigene Vergänglichkeit erinnert, darin liegt aber auch gleichzeitig die besondere Aufmerksamkeit auf das Leben. Diese Zwiespältigkeit, die gleichzeitig auch Prinzip der Natur ist, manifestiert sich im Text an verschiedenen Bildern. Die Seele ist von süßer Lust und unaussprechlichem Schmerz erfüllt (V 3 f.). Die blassen Leichensteine sind von üppiger grüner Vegetation umwuchert (V 6 f.). Auch das vampirartige Gefühl des Ich (V 11 und 15) enthält genau diese Dualität von Lebendigkeit und Tod. Die Atmosphäre auf dem Friedhof bringt das Ich zu bittersüßer Schwermut (V 13 f.). Das Ich steht auf diesem Friedhof vermutlich sehr vielen antiken und modernen Toten gegenüber, in deren Angesicht es die Notwendigkeit, mit der es selbst dem Tod entgegengeht, erkennt. Dadurch, daß der Tod hier als eine altehrwürdige Tradition erscheint, erhält er einen feierlichen Aspekt. Diese Tradition des Todes kann auch als der bereits oben erwähnte Kreislauf der Natur verstanden werden, in dem sich delle Grazie geborgen fühlt.
Die Allmacht der Natur und die Bedrohung durch den Tod wird durch das heraufziehende Gewitter (V 1 ff.) noch dringlicher. Das lyrische Ich erkennt den besonderen Wert des Lebens in seiner Rolle im Gesamtzusammenhang der Natur. Es ist mit seinem Schicksal versöhnt.

Abschied

Die vier Strophen des Gedichtes sind alle fünfversig, die ersten vier Verse einer jeden Strophe bestehen aus jeweils zwei stumpfen und zwei klingenden gekreuzten Reimen; Die Verse sind acht- bzw. neunsilbig und trochäisch. Der fünfte Vers nimmt (mit einer Ausnahme in der letzten Strophe) die ersten zwei Takte des jeweiligen ersten Verses der Strophe wieder auf.
Das Abschiedsgedicht spielt in einer ruhigen, blauen Vollmondnacht (V 1 f. und 5). Das Herz des Ich ist wund (V 6 und 10). Das mag zwei Gründe haben. Zum einen kann es sich um den Abschiedsschmerz handeln, zum anderen um den Schmerz des noch nicht vollends geheilten Herzens, dessen Besitzer noch immer um seine Vergänglichkeit trauert. Auf alle Fälle will das lyrische noch nicht aus Neapel gehen.
Im Meer spiegelt sich Neapel, so daß es scheint, als sei die Stadt auch unter Wasser (V 11 f.). Wir haben gewissermaßen zwei Neapel vor uns: neben dem der realen Welt, das im Meer gespiegelte und durch die Wellen verzerrte Neapel einer geisterhaften Gegenwelt.
Neapel wird mit Vineta verglichen (V 16 ff.). Mit dem an Neapel gerichteten Satz „Du Vineta meines Glücks -“ meint das lyrische Ich, daß Neapel sein Glück ist. Mit dem Scheiden aus Neapel geht so auch sein Glück, genau wie Vineta, unter.

Zusammenfassung

Im Abschnitt Neapel liegt bei den Naturbeschreibungen das Gewicht auf der Bedeutung, die die abgebildete Natur für das lyrische Ich hat. Dabei fließt besonders die Gefühlslage des lyrischen Ichs in die Schilderungen ein. Die Grenze zwischen naturalistischer Beschreibung und Interpretation oder gar Imagination des lyrischen Ichs ist absichtlich unscharf. Die Gedichte spielen mit dieser Unschärfe. Dadurch stehen Reales und Vermeintes gleichwertig nebeneinander.
Hauptthema ist die Überwindung des Gefühls der persönlichen und allgemeinen Bedeutungslosigkeit durch das Erkennen der Natur als ein ewiger Kreislauf, in dem die einzelne Person und auch alles gemeinsam eingebettet sind.
Außerdem werden Bilder der griechischen Mythologie und andere antike Elemente (Vergil) verwendet. Dies nicht nur wegen delle Grazies Aufenthalt in Italien, der sie zwangsläufig auf das römische Reich und seine Vorgeschichte stieß, sondern ganz offenbar auch, weil die Antike einen ganz besonderen Wert für delle Grazie hat, als tragende Säulen ihrer Phantasie. Nicht wirklich real, aber doch durch ihre Geschichte verbindlich.